visitors on myspace

Brombeerparadies

Der Feinschmecker, der Hungernde, der Tod und das Mädchen

Zwei Bühnenstücke über Genuss und Verweigerung. 

Zwei anscheinend gegensätzliche Lebensentwürfe stehen im Mittelpunkt der neuesten Produktion der Dortmunder Performancegruppe artscenico.

„62 Tage“ beruht auf einem Text des japanischen Autors Shimada Masahiko, in dem er die authentische Geschichte eines etwa vierzigjährigen Mannes beschreibt, der sich, nur mit wenigen Utensilien und gänzlich ohne Nahrung, in die Einsamkeit der japanischen Wälder zurückzieht, um dort allein seinem Diktaphon die Geschichte seines allmählichen, 62 Tage währenden Verhungerns anzuvertrauen: „Bis ich zur Mumie werde“.
Über verschiedenste  Medien, über ein Wechselspiel von Stimme, Musik, Film und Tanz, erzählt Regisseur Rolf Dennemann diese Geschichte eines akribisch dokumentierten Suizids.

Der zweite Teil des Abends basiert auf einem Interview, das der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge mit der fiktiven Figur eines wohlhabenden und trotz offensichtlich körperlicher Malaisen unerhört genusssüchtigen Mannes führt. Die Ärzte prophezeien ihm sein baldiges Ableben, doch Essen, Rauchen etc. bedeuten für ihn höchsten Genuss. Also isst er weiter, raucht weiter, und bietet einer  geheimnisvollen  Interviewerin, die bald als Widerpart, bald als sein Alter Ego erscheint, verbissen die Stirn: Der Feinschmecker.   
 
Beiden, dem Lebensverweigerer in „62 Tage“ wie dem Lebensverschlinger „Feinschmecker“, sind Tod und Leben untrennbare Geschwister geworden. Beide sind sie letztendlich sowohl Kombattanten wie auch neugierige Beobachter im uralten Streit zwischen Geist und Körper. Und damit stellt sich auch dem Zuschauer die Frage: Wieviel Entbehrung, aber auch wie viel Genuss verträgt der Mensch, wofür brauchen wir unseren Körper oder unser Körper uns? Unter welchen Ängsten und Phobien leidet unsere Gesellschaft, im Bann zwischen Schlankheitswahn und multiplen Kochshow-Events, Überfluss und globaler Katastrophenfurcht.   
Und trotzdem oder gerade deshalb ist die Sinnlichkeit das verbindende Element allen Geschehens auf der Bühne: Musik, Spiel, Wort und Tanz sind Ausdruck einer unbändigen Lust, dem Leben zuzuschauen. Sei es beim Vergehen, sei es beim Verzehren. Ein Fest fürs Leben – bis in den Tod.

Regie: Rolf Dennemann
Künstlerische Mitarbeit: Rabea Kiel
Produktionsleitung: Monika Pirklbauer
Dramaturgie: Berthold Meyer/Monika Pirklbauer
Ausstattung: Katja Struck
Choreographie: Rieke Steierl
Kamera: Frank Mählen
Technik: Peter Fotheringham
Dokumentation: Petra Steierl
Mitarbeit: Holger Samlowski, Jutta Renner-Haustein

62 Tage:
Stimme/Musik: Rolf Dennemann
Tanz: Rieke Steierl

Der Feinschmecker:
Der Mann: Matthias Scheuring
Die Frau: Danielle Clamer

Wir danken DCTP und Alexander Kluge für die Überlassung der Aufführungsrechte (Der Feinschmecker)

Programmheft

Download PDF