Hello Goodbye
Ort-spezifisches Konzept für "verlassene Industrieanlagen"
Mit internationaler Besetzung aus TänzerInnen, Schauspielern, Musikern, Sängern und Partnern aus Tschechien, Ungarn
Im Rahmen des internationalen Festivals off limits 2005
Künstlerische Leitung: Rolf Dennemann
Organisationsleitung: Johanna Renger
Choreographie und Projektleitung Kokerei Hansa: Sabina Stücker
Dramaturgie und Produktionsleitung: Berthold Meyer
Ausstattung: Scarlett Schauerte
Technik: Falk Beckmann, Arno Sousa
Die Projektgruppe art scenico installiert und inszeniert mit internationaler Besetzung aus TänzerInnen, Schauspielern, Performern und anderen KünstlerInnen den zweiten Teil des Zyklus "Hinterlassenschaften", einen akustisch-visuellen Parcours entlang der Natur und in den Gemäuern der ehemaligen Kokerei Hansa in Dortmund-Huckarde.
Eine Performance mit Impressionen von Vergänglichkeit und Verfall, Poesie und Wahn, Begegnungen mit Hinterlassenschaften, Rätselhaftem und der Natur.
In der bereits nicht mehr ganz jungen Geschichte des Industrieraumes als Kulturort konnte man die Industriebrache, den verlassenen Ort schon in vielerlei künstlerischer Gestaltung und Anverwandlung sehen.
Besonders interessant und herausfordernd ist diese "Bearbeitung" des Industrieraumes immer dann, wenn die Wucht der großen Hallen, die Präsenz der riesigen Schornsteine und Fördertürme, die scheinbare Unveränderlichkeit von Stein und Stahl auf die Flüchtigkeit der menschlichen Arbeit, welche an den betreffenden Orten geleistet wurde, trifft:
Durch zerbrochene Fenster, zerbröckelte Mauern, in kleinen Nischen wachsen zarte Birkenbäume und wilde Blumen, erobern sich ihren Platz zurück und weisen sanft auf den Verlust der ursprünglichen Bedeutung des Ortes hin.
Sie scheinen sagen zu wollen: hier beginnt etwas Neues, verbunden und verwurzelt in der Vergangenheit, hin zu einer neuen anderen Zukunft!
"Hello - Goodbye" ist ein theatraler Parcours der Hinterlassenschaften, ein Weg der Erinnerungen. Vorbei an Kühlbecken, in denen mittlerweile seltene Pflanzen wachsen und Entenpaare nisten, über ein Förderband in vierzig Meter Höhe, beim Wiederabstieg riesige, orkusartig in die Tiefe führende Kohlenbunker hinter sich lassend, soll das Publikum einen Weg der assoziativen Erinnerungen beschreiten. Bei zunehmender Dämmerung vorbei an Tänzern, Installationen und Videoprojektionen, begleitet von Schauspielern, literarischen Texten und Musikcollagen, kehrt es zum Ende hin - inzwischen ist es Nacht geworden - an den inzwischen völlig veränderten und umgestalteten Ausgangspunkt zurück.
Der Ort, die alte Industrie, dient dabei nicht als Kulisse oder als Sinnhilfe eines sozial- oder geschichtskritischen Anliegens.
Durch seinen Übergang von einem stinkenden, lärmenden Arbeitsplatz für Hunderte von Menschen zu einem zurückeroberten, wenn auch verwandelten Stück Natur, bedeutet der Ort eine Art Katalysator für die Assoziationen des Zuschauers.
Der de-funktionalisierte Industrieort erscheint verharrend.
Die scheinbar sinnlosen Warnschilder, Räume und Gebäude, die grotesk grossen, verrostenden Maschinen und Werkzeuge werden in ihrem gleichzeitigen Verharren und Verfallen zum natürlichen Sinnträger für die Themen des Stückes: Erinnerung, Verlust und Sehnsucht.
Ständig wechselt die Perspektive des Stückes und des Ortes zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Ferne und Nähe.
Dem Panoramablick über das nächtliche Dortmund folgt ein klaustrophobischer Gang durch kleine, dunkle und leere Räume. Der Ort ist ein gleichberechtigter Faktor im Spiel, er ist unverkennbar, aber er ist nicht Geisel einer Idee, einer Absicht, oder gar Sklave seiner Vergangenheit.
"Hello - Goodbye" setzt sich diesen respektierenden und angemessenen Umgang mit der Geschichte eines für unsere Region beispeilhaften Ortes zum Ziel. Dem Ort wird eine Zukunft gelassen, ohne ihn seiner Vergangenheit zu berauben. Er muß nicht als Kronzeuge einer Glorifizierung oder Verdammung einer Zeitepoche herhalten.
Der Weg der Industriebespielung kann nicht im Festhalten oder Beschwören einer definitiv vergangenen Epoche liegen. Historizismus und Industrie-Bebilderung im Spiel würden zu keiner Aussage über den Ort, die Vergangenheit oder die Industrie führen. Über seine Geschichte erzählt der Ort - vor Ort - am besten selbst.
Hello - Goodbye soll ein humorvolles, poetisches Spiel sein über Menschliches, über Hinterlassenes, zu Findendes, Vergessenes, zu Erinnerndes. Und die Kokerei Hansa ist der dafür bestens geeignete Ort.
Berthold Meyer (Dramaturg)
Hello Goodbye - gefördert von:
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