visitors on myspace

Pseudoplatanus


Unterschiedliche Atmosphären der Proiekte "Pseudoplatanus" und "Hello Goodbye":

Frau im Wasser, Sänger im Kraut


Tanz auf der Bank in krampfhaft zuckender Gebärdensprache-Szene aus "Pseudoplatanus" im Rombergpark.

Von Rainer Wanzelius

Am rostroten Bach, der durch den Rombergpark plätschert, hockt unter Kraut und Farn eine männliche Gestalt. Es dauert, bis sie sich erhebt und zu singen beginnt. Robert Schumann, Dichterliebe ...

Eigentlich noch etwas früh für romantische Gefühle. Die Sonne dringt noch nicht durch jedes Laub, es ist noch keine acht. Doch Jürgen Kohl singt und singt. Hockt sich nieder, erhebt sich wieder, stimmt an. Er hört erst auf, wenn ihm niemand mehr zuschaut, zuhört. Es sind viele, die vorbeiziehen, weitaus mehr als in kühnsten Träumen vermutet.

So einfach kann Theater sein. Rolf Dennemanns Rendezvous im Park "Pseudoplatanus", das gestern in aller Herrgottsfrühe seine einmalige Aufführung erlebte, dankt seine Schönheit vor allem der Sparsamkeit der Inszenierung. Da wandert das Publikum an einem Seitenweg vorbei - fern, unter einem Rosentor, steht eine farbig gewandete Frau und bewegt sich nicht. Ein intensives Bild. Nicht einmal eine Schauspielerin oder Tänzerin braucht diese Szene im Pappelkreis: Ein Kleid liegt zwischen den Bäumen, vom Band eine Stimme. Die Stimme singt eines der Gedichte des Bertolt Brecht: "Erinnerung an Marie A.", die eigentlich nur die Erinnerung an eine Wolke, sehr weit oben, ist. Eine Frau beugt sich über ein Geländer hinein in unbestimmte Natur, ein Mann hält sie zurück - das Publikum begegnet diesem romantischen Motiv mehrfach. Großräumiger die Bootszene auf dem großen Teich, aus dem kein Kunstnebel aufsteigen muss; der echte reicht. Ein Mann rudert den Nachen, in dem eine Frau Freiheit die

rote Fahne schwingt. Einen fast schon knalligen Schlussakzent setzen vier gold-gelb gekleidete Tänzer aus der VR China. Sie geben, das "Cafe Orchidee" im Rücken , in großer Gelassenheit von weitem sichtbare stärkere Zeichen - so, als wollten sie Flugzeuge aufhalten.

"Pseudoplatanus" ist die Umkehr eines zweiten Dennemann-Projekts, das am Wochenende mit gleichem Personal realisiert wurde. Der Parcours "Hello Goodbye", der an drei Tagen im Dunklen auf der Kokerei Hansa in Huckarde abzuwandern war, ist ein in der Form verwandtes Stück, das statt in der Naturkulisse mit aufgehender Sonne in einer Industrieanlage spielt, in der junge Bäume und fette Spinnen alte Rechte einfordern. Dennemann benutzt hier allerdings auch Szenen, die schon 2004 als "Wahn Wahn Wahn" zu sehen waren. Damals auf Hansa, jetzt auf Hansa, jetzt im Park - die Atmosphären unterscheiden sich, immer aber dominieren Szenen, in denen sich Verstörung in krampfhaft zuckender Gebärdensprache ausdrückt. Frauen im Wasser, auf Wiesen, hinter Gittern - der Zustand der Gesellschaft ist wie der der Seele: ungesund. Wobei "Helle Goodbye" eine Außen- und eine Innenwelt spiegelt - mit Mundharmonika-geblasenem Barbara-Lied als Leitmotiv, mit "Vorwärts und nicht vergessen"-Nosta!gie, mit Erinnerungsfetzen an Not- und an arbeiterbewegte Zeiten.