Hello Goodbye” bietet auf der Kokerei Hansa eine ungewöhnliche Symbiose von Industriedenkmal und Kunst. An jeder Ecke Überraschungen
Von Matthias Armborst
Zu gespenstischem Leben ist die Kokerei Hansa erwacht. Bei “off limits” wurde die beeindruckende Kulisse zur Bühne des Gesamtkunstwerks “Hello Goodbye”. Hinter dem Titel verbirgt sich ein akustisch-visueller Parcours voller Überraschungen.
Noch liegt das Gelände verschlafen da, als die Dunkelheit herein bricht. Wo früher eine qualmende, lärmende Vorhölle war, ist es heute still. Längst hat die Natur begonnen, sich das Areal zurückzuerobern. Scheinbar sinnlos stehen die gewaltigen Anlagen herum, dem schleichenden Verfall preisgegeben. “Sie glauben doch nicht, dass Sie hier sitzen bleiben können”, höhnt Schauspieler Thomas Kemper, als sich die 200 Premieren-Besucher in der Waschkaue versammelt haben. Nun werden alle hinaus geschickt, um die Keller und Gänge, bizarren Maschinen und schon halb überwucherten Freiflächen zu erkunden. Eine riesige, begehbare Geisterbahn. Der Spuk beginnt: Es scheint, als würde der morbide Ort von Gestalten heimgesucht, die keine Ruhe finden. Die zurückkehren müssen, um vom entbehrungsreichen Leben früherer Tage zu erzählen. Sie tauchen auf und mischen sich unter die Besucher. Hinter jeder Ecke warten neue, irritierende Überraschungen. Lebendige Installationen, die gegen ihre monströse Umwelt oder einfach gegen das In-Vergessenheit-Geraten anzukämpfen scheinen. Mit großem technischem Aufwand werden Tanz und Schauspielerei, Improvisation, Vortrag und Soundcollagen zu einem Gesamtkunstwerk montiert. Die Szenerie zwischen dem riesigen Förderband und dem Wasserbassin
wird in fahles Licht getaucht, zur gigantischen Bühne. Mit ihrem wallenden Kleid tanzt die Italienerin Laura Della Longa mitten im Wasser. Der Erlebnispfad führt die Besucher hoch hinauf auf die Kohlentürme. Überraschend, wie harmonisch sich der Gesang von Tenor Jürgen Kohl in die monumentale Kulisse der Ofenbatterien einfügt. Als sei der Ort, an dem einst bei über 1000 Grad Koks gebacken wurde, eigentlich zur Konzerthalle bestimmt. Doch dies ist kein gewöhnlicher Theaterbesuch. Hier entscheiden die Besucher, wohin sie ihre Blicke lenken und wann sie weitergehen. “Für Künstler ist es seltsam, wenn sie nicht die volle Aufmerksamkeit bekommen. Wer hier mitmacht, darf nicht eitel sein”, sagt Regisseur Rolf Dennemann. Der Dortmunder hat sich auf maßgeschneiderte Kunstwerke für besondere Orte spezialisiert und mit dem Verein artscenico die mehr als 50 Künstler aus ganz Europa zusammengebracht. “Die Kokerei ist für mich sehr inspirierend”, sagt er. “Der größte Reiz ist, dass man die Hinterlassenschaft nicht nachträglich verschönert hat. Die Anlage atmet echte Vergangenheit.” Und so ist es die einmalige Symbiose von Ort und Kunst, die für Impressionen sorgt, die im Gedächtnis bleiben.
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