Fataler Beigeschmack
Performancegruppe artscenico zeigt Stücke über den Tod und das Essen
Der Westen – Kultur 07.04.2008, Martina Herzog

Es gibt viele Arten, sich zu Tode zu bringen. Hungern und Fressen sind zwei Möglichkeiten, im Dortmunder Depot präsentiert von der Performancegruppe artscenico mit ihrer Inszenierung „Brombeerparadies“, Untertitel „Der Feinschmecker, der Hungernde, der Tod und das Mädchen“.
Der Aufbruch zu dieser morbiden Reise gibt sich träumerisch schön. Eine junge Japanerin singt auf der Leinwand mit ernstem Blick von der Liebe während das Publikum im Theaterdepot die Plätze einnimmt.
Dann wird es dunkel, die Kamera führt uns wackelig, amateurhaft durch einen Februarwald, der Blick eines Läufers auf einem Weg durch totes Laub, kahle Birken und dünne Eichen, bedrohliche Musik. Dann verharrt die Kamera, die Spannung löst sich und zum ersten Mal ertönt die Stimme aus dem Off (Rolf Dennemann). Im „Brombeerparadies“ sei er nun angelangt, erklärt der Sprecher, um sich zu Tode zu hungern mit einem provisorischen Zelt, ausgerüstet mit Wasser, Schmerzmitteln, einem Radio, einem Diktaphon.
Über einen Zeitraum von 62 Tagen erstreckt sich die Chronik des Todes. Die Botschaften sind teils trivial, teils nachdenklich. Soviel wird deutlich: sein Entschluss zu sterben entspringt einem Gefühl des Überdrusses, der Entbehrlichkeit. „Die Umstände haben nicht gepasst“, teilt der Sprecher mit, daher wolle er „in die andere Welt ziehen“, als handele es sich um den belanglosen Wechsel eines Aufenthaltsortes. Zwei Tendenzen zeigt dieser Hungerleider: die Trivialisierung des Todes und die Heroisierung seines Freitodes. Ein durchschnittliches Leben, das durch einen spektakulären Abgang Besonderheit gewinnen soll. Das Waldstück wird zur Bühne, ob mit oder ohne Publikum.
Im Grunde sucht der Mann Anschluss an eine Ahnengalerie großer Geister. Bach im Radio helfe zeitweise gegen das Leiden, notiert er. Beckett fühle er sich nahe in der Lektüre, während er Dantes „Komödie“ genüsslich Seite für Seite verbrannt habe. Mit Christus und Buddha stellt er sich in eine Reihe. Er achtet sehr auf Reinlichkeit, da „die Menschen saubere Leichen lieber mögen“. Dieser Weg ins Jenseits ist ein ganz und gar diesseitiges Vergnügen, deren Befriedigung in der antizipierten Wirkung auf andere liegt. Und warum dieser qualvoll langsame Hungertod? Vielleicht um doch noch gerettet zu werden. Eine Rettung gegen alle Wahrscheinlichkeit wäre dann schon „Wille einer Gottheit“. Aber bei aller Sehnsucht nach Besonderheit, es bleibt doch nur bei einer beklemmenden Chronik des graduellen organischen Versagens und der Schmerzen des Hungertodes.
Umgesetzt wird dies alles mit Musik, Naturgeräuschen, Regenrauschen, Vogelstimmen. Auf der Leinwand Waldaufnahmen. Dahinter scheint manchmal eine Tänzerin auf. Rieke Steierl bewegt sich wenig von der Stelle und ist doch ganz sprudelnde Dynamik, weil das Filmbild im Vordergrund Bewegung suggeriert. Sie zittert und bebt und flattert und haucht dieser Ausweglosigkeit damit ein wenig Schönheit ein. Sie ist auch die weißgekleidete Frau, die dem Sterbenden auf der Leinwand erscheint, eine Vision, die er in seiner Einsamkeit sehnsüchtig herbeigesehnt hat.
Ab Tag 50 wird die Chronik verworren, die letzten Tage sind nur noch Zahlen auf der Leinwand. Als es vorbei ist, beginnen die Knospen zu sprießen, es wird Frühling.
Die Hauptfigur des zweiten Teiles (Matthias Scheuring) bringt sich ebenfalls zu Tode. Allerdings recht unbeschwert und voller Genuss. Das Ende strebt er nicht an, aber er nimmt es in Kauf als Preis seiner intensiven sinnlichen Erfahrungen. Der Gourmet weiß, was ihm schmeckt, er ist ein differenzierter Esser mit Gespür für kulinarische Zwischentöne. Er kann mit fast kindlicher Begeisterung von Bratkartoffeln schwärmen, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Als Mahnerin begleitet ihn eine junge Frau. Danielle Clamer ist die Stimme der medizinischen Vernunft, sie hält ihm die körperlichen Folgen seiner Völlerei vor Augen, sie argumentiert. Er solle doch die Zeit des Genusses aufrechnen gegen die des Schmerzes, der Krankheit. Nein, entgegnet er in einem Schlüsselsatz, Schmerz und Genuss „in absoluten Zahlen“, „das ist falsch gedacht. Denn „ich zelebriere den Genuss und reduziere den Schmerz auf das Minimum“. Und so handelt er auf seine Weise nicht weniger rational. Und, seltsam, die junge Frau in ihrer wohltemperierten Beherrschtheit scheint ihn sogar ein wenig zu beneiden um diese Intensität, wenn sie sich an ihn schmiegt und ihr Blick ihm fast hungrig folgt. Am Ende liegt sie tot oder schlafend auf dem weißen Tischtuch vor ihm während er mit dem Sauerstoffschlauch in der Nase noch immer genüsslich am Zigarillo pafft.
Und die Gemeinsamkeiten dieser beiden Extremgestalten? Am Ende steht für beide der selbst herbeigeführte Tod. Beide leben für das Diesseits: der eine in der Inszenierung des eigenen Willens, mit halbem Blick auf die Nachwelt, der andere im kulinarischen Genuss. Dabei tritt der Hungerkünstler mit all seiner Konsequenz dennoch als Unterlegener ab; sein Tod bleibt ein groteskes Schauspiel an der Grenze zur Illusion, denn wie erbärmlich ist eigentlich dieser Kampf um Persönlichkeit. Der Feinschmecker dagegen ist immerhin souverän, schwach in seiner Überzeichnung unserer Schwächen und in ihrer bewussten Bejahung doch wieder stark.
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