Exerzitien am Meer

artscenicos letzte Station auf der Suche nach „Heilgtümern und Schutzräumen“ in Europa führt nach Ören in die südwestliche Türkei. Das Team Margarita Nagel, Matthias Hecht, Petra Steierl, Frank Mählen und Rolf Dennemann verbringt eine Woche mit ca. zwanzig Teilnehmern einer Sommerakademie. Es ist ein Erlebnis.

Wenn man seine Klischee-Bilder auf Reisen mitschleppt, muss man für Übergewicht nichts bezahlen. Kommt man mit weniger Gewicht zurück, klärt das den Blick und der Platz ist frei für Erkenntnisgewinn. Die Künstlergruppe artscenico setzt ihr
Projekt fort, fährt nach Ören in die Südtürkei und erlebt eine Gruppe von
Menschen, für die Gemeinschaft so selbstverständlich ist wie die Gurke im
Cacik.

Schwüle Bucht am Mittelmeer

Am Ende der Anreise per Flug und Mietwagen, erreichen wir das Ziel in der Dunkelheit. Es ist schwül wie im Tropenhaus im Dortmunder Zoo. Vorbei an einer Anlage, die am Fuße der Berge liegt und anmutet wie die Kokerei
Zollverein, über Serpentinen und schwach beleuchteten Landstraßen, weist ein
Schild auf das Hotel hin, das eigens für das Projekt „Sanctuary“ von der
türkischen Partnerorganisation „Happy Kids“ aus Ankara angemietet wurde. Dass
es direkt am Meer liegt, erlebt man erst am Morgen. Der „heilige Ort des
Rückzugs“ hat Fühlnähe zum Wasser. Letzte Reste des Buffets, Kellner, die jeden
Augenblick einzuschlafen drohen und Zimmertemperaturen von über vierzig Grad –
keine guten Startbedingungen für ein soziales Kunstprojekt, denken wir, und
werden das erste Klischee schon des nachts zerstückeln wie der Dönermann das
Kebab.

Arkadas

Wir erleben über zwanzig türkische Teilnehmer unserer Expedition in interdisziplinäre Bereiche der darstellenden Kunst aus Ankara, Istanbul, Antalya, Izmir und anderen Orten, die – ihrerseits vorurteilsfrei – unsere zerbröseln lassen. Menschen zwischen zehn und sechzig, Angestellte, Manager, Ärzte, Studenten, Schülerinnen, Behinderte, Filmemacher, Sozialarbeiter – sie bilden eine Gemeinschaft und das Wort „Arkadas“ (Freund) hört man oft. Das beste Englisch sprechen die Kinder, andere bemühen sich, uns ein paar türkische Worte beizubringen.

Kuh, Esel, Hund

Wir sehen gestandene Männer, die mit Bäumen aus dem Wald durch das Meer schreiten, Bauernhöfe mit zwei Kühen, einem Esel, dem Hund und Hühnern, die für die Eigenversorgung der Versorger Eier legen, singende Frauen, bastelnde Herren, tanzende Kinder, blinde Musiker, die den Turkish Blues auf die nächtliche Terrasse tragen, Kellner, die morgens „Gesundheit“ wünschen, eine Kellnerin, die immer lächelt und kein Wort versteht, einen Hotelbesitzer mit bayrischem deutsch-türkischen Dialekt, alte Männer, die stundenland Brettspiele zelebrieren, den öffentlichen Nahverkehr in Form eines von einem Trecker gezogenen Anhängers. Wir erleben eine Muslima, die trotz Ganzkörperbikini nichts an Liebreiz verliert, die nachts am Strand ihr Mittagessen isst, einen schnauzbärtigen Kerl, der „Oh my God“ sagt und fröhlich darauf hinweist, dass er weder an diesen noch an einen anderen glaubt. Wir erleben Männer, die sich beim Abendessen anhand von Nazim Hikmet-Gedichten unterhalten.

Alte und Junge

Auf einem Berg versammeln sich die Sanctuary-Teilnehmer zu einem Mahl mit Talblick. Die aus dem Hotel mit einem alten Chevrolet-Pickup angelieferten Kellner grillen und bereiten vor. Ein Esel wandert durchs hyper-idyllische Bild, Kühe und Bullen werden vorbei getrieben, schwarze Ziegen schauen beim Grillen zu. Ein kleiner, alter Mann aus dem Dorf wird auf einen Stuhl gesetzt. Er ist fast blind. Kinder eilen herbei, um ihm zuzuhören. Er erzählt von sich und seinem Erblinden. Die Eselbesitzerin gesellt sich dazu.
Ein anderer Dorfalter holt ein paar Dokumente und zeigt sie Ali, dem Leiter der
türkischen Gruppe. Er ist Rechtsanwalt. Beide sitzen sie auf dem Dach der
Wasserstelle – Rechtsbeistand unter Olivenbäumen. Oh my God!

 

Meer-Performance

Freitagnacht findet auf der Bühne am Strand des Ortes Ören
eine Vorstellung statt. Gedichte von Hikmet werden deklamiert und gesungen. Das
Publikum kennt die Texte. artscenico zeigt kurze Tanzfilme. Die Performance
unter Beteiligung von Einheimischen, Urlaubern und der Gruppe um Ali beginnt im
Meer, endet auf der Bühne – künstlerisches Neuland aus dem Ruhrgebiet. Bis um
vier Uhr morgens wird darüber diskutiert, während ein paar Meter weiter das
Meer seine Geräusche hinzufügt und der volle Mond das Licht.

Erstellt am 22.08.2011 von Rolf Dennemann
Kategorie(n): Türkei | Schlagwort(e):

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