Sanctuary/Schutzraum – das Ende ist ein neuer Anfang

Der Herbst ist überfüllt mit Angeboten zur künstlerischen Erbauung. In diesem Trudel der Entscheidungen haben wir das letzte Produkt der Reihe “Sanctuary” erfolgreich platziert. “LandTanz” war erfolgreich – bei Publikum und Presse. Vor allem Dank unserer Künstlerinnen und Künstler, die sich hingebungsvoll der Aufgabe stellten, Bauernhöfe zur Bühne zu machen, die ansonsten in der vermeidlichen Stille der Peripherien unserer Städte ihrem Geschäft nachgehen, ernten, säen, kalkulieren, beantragen, pflügen, hegen, verkaufen, züchten, beackern und bewässern.

Hier haben wir getanzt, gesprochen, musiziert, geprobt, installiert und kapriziert. Wir haben uns Gummistiefel an-und ausgezogen, Instrumente gestimmt, Akustik getestet, uns mit Hunden und Enten angefreundet, Katzen und Rinder gestreichelt, uns mit Pferden arrangiert, Tonanlagen und Scheinwerfer aufgestellt, Kassentische platziert, gegessen und getrunken, Publikum sortiert und Mitfahrgemeinschaften organisiert. Sind Bauernhöfe Heiligtümer, Rückzugsorte, Schutzräume? Je nach Sicht des Betrachters sind sie es, wenn auch nur temporär, wenn auch nur, wenn man sich zurückwirft auf Natur und sich selbst. Zumindest sind es Orte, die viel Erbauung generieren. Die Landschaft, die sich hier und da als etwas Neues zeigt, wenn vor auf einem Heuwagen Tänzerinnen in minimalistischen Bewegungen der Landschaft einen Vordergrund geben, diese Landschaft wird zu einem Gemälde, gaukelt eine Stille vor, die tatsächlich von den umliegenden Straßen zerrissen wird. Jeder Betrachter hat hier seine eigene Tiefe, seine eigene Erinnerung oder Wünsche, die diffus in Rührung münden.
Wenn wir täglich stundenlang auf keine Bilder schauen, auf den Rechnern, den Notebooks, den Mini-Screens der mobilen Geräten, dann wirkt die Weite des Raums erholend, für manche gar verstörend.

Wenn Yanlav Tumursaikhan auf der Morin Khuur spielt, Schafherden Kreise ziehen und Pferde sich in der ersten Reihe versammeln, Tänzerinnen dem Zentrum huldigen, als Tanzgruppe Folklore aufheben und zu einem modernen Ereignis machen, dann sind dies Momente, die nur jetzt und hier erlebbar waren. Waren – denn sie werden so nie wieder aufscheinen. Das sind die Momente der flüchtigen Kunst, die keine Reproduktion, keine Dokumentation erfassen können. Hier werden heilige Momente geschaffen, die ebenso spirituell sind wie real.

Wenn der Musiker mit einem Truthahn musikalisch kommuniziert, so ist dies keine romantische Idee, sondern Teil des Erlebnisses “LandTanz”. Wenn das Cello die Gemüter der Bullen im engen Stall beruhigt, wenn der Gesang Enten im Teich zu neuen Formationen inspiriert, dann gehen Kunst und Natur eine Gemeinschaft ein. Übertrieben? Keineswegs. Dies sind Gründe dafür, den Theaterraum zu verlassen, um an Orten zu arbeiten, die – zwar nicht mehr ursprünglich – dennoch aber Räume sind, die den Blick nicht einengen, die atmen lassen.

“What is behind the curtain”, hieß ein Werk von Laurie Anderson. Wenn hinter einem Scheunentor die Scheune zu einem sakralen Ort wird, ist es dennoch keine klare Antwort. Wenn sich in einem Werkstattschuppen eine Installation öffnet, ist sie nur scheinbar vom Inhalt des Raums entfernt. Fäden werden sichtbare Spinnengefilde, die darin “gefangene” Frau eine Erscheinung. Wie aus anderen Zusammenhängen herbeigesehnt, öffnet sich der Raum für die Tänzerin, mit den Hügeln aus Weizen, die wie die Miniatur-Nachbildung der Wüste Gobi daliegt, im Hintergrund. Wuchtige Musik erschallt und sie verfügt, ihr Inneres in Tanz umzusetzen. Tor zu – Illusion beendet.

Wenn ein Zwinger mit einer Wohnzimmerlampe beleuchtet wird und die Tänzerin in der umgitterten Umgebung bebt, blickt das Publikum in eine Zelle, in einen begrenzten Raum, der an Nötigung und Zucht erinnert, aber auch Gedanken befördert, die sich keine Grenzen geben.

Der Schauspieler, der seine äußere Erscheinung wechselt, der mal als alter Mann, mal als  Bauer auftaucht, immer den Klischees folgend, wird zum Kind, der sein Spiel mit den keinen Dingen der Realität anpasst, zum Schamanen, der einer alten Frau die Hände wäscht und scheinbar sinnlos schwere Äste umherträgt, ist der Hofnarr und Bilderführer.
Hinten im dunklen Raum sitzt eine alte Dame auf einem kleinen Plastiktrecker. Vergeblich versucht sie, voranzukommen. Man hört nicht, was sie sagt, man sieht nicht wohin sie will. An anderer Stelle sitzt sie auf einem Wasserkübel, will weiter – vergeblich.

Die Schauspielerin steht an der Luke zum Heuboden und wartet auf “ihn”, der nie kommen wird. Sie lebt auf einem Spielplatz und erzählt uns von den unsäglichen Bauern, die sich von Felsen stürzen. Im Mönchgewand sitzt sie auf dem Rand eines Wasserbeckens und schaut in die Ferne – verlorenes Wesen.

Ein glatzköpfiges Wesen zelebriert unbekannte Rituale, hat ein Glöckchen in der Hand, bewegt sich, als sei sie in einer neuen Welt, erkundet tastend und ruckend, wo er sein könnte, der Raum, in den sie gehört. Die Frau, die in rotem Gewand durch den Rinderstall wandelt, versinnbildlicht vielleicht das Blut, ohne das Leben aufhört. Die graziösen Abläufe eines Landtanzes vor Holzscheiten, alten Landmaschinen, am Rande des Ententeichs, haben vielleicht etwas von Glück in sich.

Das Publikum sitzt zusammen, trinkt, isst, plaudert, lauscht den musikalischen “Zugaben”, wundert sich und mancher fragt: “Gibt es einen Faden?”.

Fotos: Guntram Walter, Dman, PSteierl

Erstellt am 02.10.2011 von Rolf Dennemann
Kategorie(n): Aktuelles | Schlagwort(e):
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Ein Kommentar zu Sanctuary/Schutzraum – das Ende ist ein neuer Anfang

  1. Klaus Dilger sagt:

    Danke für diesen wundervollen Text, der auch demjenigen, der nicht dabei sein konnte aufs wunderbarste vor Augen führt, was er versäumt hat und täglich versäumt. Einen Vordergrund bilden mit der Kunst, um die Hintergründe des Lebens wahrzunehmen. Eine wundervolle Umkehrung dessen, was so häufig in Selbstgefälligkeit und Leere auf den Bühnen der Welt zelebriert wird.
    Klaus Dilger

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