Publikum in der Landschaft

Der künstlerische Akt ist „das gemeinsame betrachten einer (stillen) Landschaft“. Wenn dann – nach genau gesetzten 2.30 Min. – der Spielmannszug zwischen den Hügel, zuerst akustisch, dann auch optisch auftaucht, sich mit Tschinderassa über die Wiesenaue bewegt und wieder verschwindet, dann fühlt sich der Mensch wieder in seiner Welt, aber auf eigenartige Weise. Das Geräusch ist, mitsamt der ihm vertrauten Tradition der Blasmusik, wie ein Fremdkörper in die Landschaft geplatzt. Stille auszuhalten, ist heutzutage ein Problem. Bilder ohne Flut sind mühsam auszuhalten. Wir sind inzwischen mit der Schnelligkeit zu vertraut, dass alles Langsame uns anstrengt, das Wenige für eine Weile zu anzusehen, eine Herausforderung.  Landschaft und Blasmusik, beides nur für vier Minuten miteinander in Einklang gebracht, wird durch die Absurdität des Arrangements zu einem Kunstwerk, das vielerlei andere Bilder und Erinnerungen produziert, eine der Aufgaben der Kunst. Es ist komisch und bedrohlich gleichermaßen, je nach Biografie des Betrachtenden. Auch wenn Spielmannszüge nicht zu unseren Freizeitzielen gehört, wenn uns Wiesen egal sind, können sich die meisten Zuschauer dieser Faszination nicht entziehen.

Erstellt am 29.10.2012 von Rolf Dennemann
Kategorie(n): Aktuelles | Schlagwort(e): , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar