Heimat surreal – II – Kunstwandeln im Park

Es ist acht Uhr morgens. Das Torhaus am Eingang zum Botanischen Garten im Rombergpark zu Dortmund steht als historischer Hinweis auf das Alter des Parks wie ein Portal zur Wunderwelt. Der Himmel ist bereit, die Performances entlang des Parcours mit entsprechendem Licht zu versorgen. Die Baustelle hinter dem Zaun, weist auf Ausgrabungen hin. Ein Fabelwesen steht mit einer SChüppe auf dem aufgeworfenen Hügel und karikiert das Arbeiterdenkmal einer vergangenen Zeit. Am Teich zeigt sich ein Hirschmann als Mitbewohner der Enten und Gänse. Sein Frühröhren soll die Weibchen anlocken. Hinter Holzskulpturen drängt sich eine Tänzerin aus einem mächtigen Baum, als sei in ihm ihr temporäres Nest. Am Bach erfrischen sich zwei Frauen und waschen ihr Gemüse. Eine verwachsene Figur spinnt an einem Ball. Die ewige Großmutter ist ihre Gesellschaft. Drei junge Menschen stellen ein Unglück nach, dass ihnen hoffentlich nicht zustoßen wird. Die Braut lockt den Betrachter und ritzt den Namen eines Unbekannten in die Rinde, der hinter ihr in schwarz einen Balztanz einübt.

Der Sumpf wird von leichtem Frühnebel überwabert. In der Fern röhrt der Hirsch. Vorn steht Moorfrau im See als sei sie das Motiv eines Landschaftsmalers. Im Wald gehen Gestalten ihren morgendlichen Ritualen nach, der herr der Pilze wacht über das Reservat. Die Hirschin zeigt sich im Nadelwald, ein Eichhörnchen in blauer Tarnung nestelt nervös in der Luft. Das Hirschpaar wird ein Paar. Und im Bach wandern die Wasserfrauen weiter, reichen den Wanderern Bachwasser, finden zwischen den Uferpflanzen allerlei Verlorenes.

Ein fröhlicher Ukulele-Spieler sorgt für das Wachstum seines Bettes. Eine fröhliche junge Maid zeigt ihren Kuschelieren den Morgen. Am Ende der langen Lindenallee taucht die Tänzerin der aufgehenden Sonne auf, verschwindet wieder. Aparte Damen haben sich den Hirschmann zum Sitznachbar ausgesucht. Die Hirschin harrt auf einem Ast. Eine verwunschene Frau sitzt mit ihren toten Kindern auf einer Bank. In der Fern duellieren sich Singvögel, beobachtet aus einem Hochstand aus Betten von der weißen Frau, die hier immer des morgens Ausschau hält. Weit weg breitet der Unbekannte in blauem Kleid seine Arme aus, tanzt den Tanz der erwachenden Nachbarn der Bäume.

Eine Elfe zieht Fäden aus dem roten Bach, wo die Wasserfrauen Schiffchen gleiten lassen. Die Spinnenfrau unter dem Mammuthblatt ist in sich selbst bedacht. Drüben zählt ihre Kumpanin Liebesgrüsse von Blättern. Die Wanderer setzen ihren Weg fort durch schmale Pfade, entlang von Büschen und Bäumen, stoßen wieder auf den Hirsch und eine Dame, die an einem Küchentisch in Erinnerungen schwelgt. Ein Rondell beherbergt eine Gruppe gleichartiger Wesen, die sich dem Surrealen verbunden fühlen. Die Frau mit den Kindern verfolgt uns. Ihr Bild taucht immer wieder auf. Eine in Rosen gebettete Dame scheint ein schöner Leichnam. Der Rabe schreit, die Elster ächzt. Eichhörnchenund Kaninchen sind Zeugen einer Beerdigung. Die verformte Frau gräbt, die Sammlerin tanzt mit ihrem Reisig den Hügel hinab, eine Tanne ist weihnachtlich gschmückt im September.

Hoch auf dem Aussichtspunkt, am Ende einer Blütenallee schaut man auf die Welt der anderen, die da – unbekannt und ungenannt – ihren Ritualen nachgehen, sich ein Wiesenwannenbad nehmen, dem Grün enttanzen, den Bäumen huldigend -bis alle wie eine Prozession das Morgenspiel beenden und sich maskiert mit wundersamen Bedeckungen aus Fabel- und Tierwelt, aus Fantasie- und Traumwelt am Wasser versammeln. Drüben auf der Wiese tanzen still Paare in den Tag hinein. Plötzlich verschwinden die Bilder und der Wanderer wendet sich der Wirklichkeit zu. Der Musikant, der das Zirpen und Gurren, das Zwitschern und Flüstern den ganzen Morgen belgeitet hatte, mal sichtbar, mal irgendwo hinter wildem Gebüsch packt sein Instrument ein und bestellt ein Frühstück. Danach muss er weiter zum Dämmerschoppen.

Erstellt am 24.09.2013 von Rolf Dennemann
Kategorie(n): Aktuelles, Heimat surreal | Schlagwort(e):

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