Franks – alias Frank Cooper „Birstonas Hotelerlebnis“

Ein Text von unserem Kameramann Frank Mählen.

Der heutige Hoteltest ist als Hommage an meine Lieblingsfernsehserie „Twin Peaks“ verfasst. Ich hoffe, daß er trotzdem auch von denen verstanden wird, die die Serie nicht kennen (was ich persönlich als unverzeihlich erachte).

Guten Morgen Diane,

es ist der 9. Mai 2011, 8:43 Uhr Ortszeit (d.h. eine Stunde später als in Deutschland). Die Sonne versteckt sich seit Tagen hinter dichten Wolken und es ist schweinekalt. Im Hotel gefühlte 5 Grad kälter als draussen, doch dazu später mehr. Ich befinde mich im Hotel Sonata, Zimmer 306 im verträumten Mystery-Birštonas. Einem kleinen und von der restlichen Welt nicht bekannten Ort in Litauen.

Heute ist der letzte Tag meiner Mystery-Mission und ich fürchte ich werde sie nicht vollständig lösen können.
Wie Sie wissen ist es meine Aufgabe das „Geheinmis von Birštonas“ zu lösen. Schon der Name erinnert mich an meinen letzten großen Fall in Twin Peaks.
Und tatsächlich verbindet die beiden Orte mehr als es auf den ersten Blick erscheint.
Da wäre zunächst das merkwürdige Verhalten seiner Mystery-Einwohner. Sie zeichnen sich durch ein Verhalten Fremden gegenüber aus, daß ich als Mischung aus freundlicher Ignoranz und höflicher Nichtbeachtung beschreiben würde. Tatsächlich hat Birštonas etwas von einer Geisterstadt. Der Geist ist man allerdings selbst ! Denn so fühlt man sich, wenn man durchs Hotel Sonata schlendert: Unsichtbar ! Wenn man andere Hotelbewohner auf dem Flur oder im Treppenhaus trifft, schauen diese durch einen hindurch. Den Blick starr geradeaus gerichtet. Auch die Dame am Empfang blickt nicht auf, wenn man das Hotel betritt oder verlässt. Den Zimmerschlüßel legt man selbst in den Schlüßelkasten und nimmt ihn auch selbst wieder dort heraus. Spaziergänger die man im Wald trifft verhalten sich eben so. Was der Litauer nicht kennt, daß sieht er nicht ! Es scheint der Litauer hat einen sechsten Sinn, der ihn Fremde von Einheimischen unterscheiden läßt. Vielleicht ist es aber auch ein angeborener Sehfehler oder Gendefekt. Nicht auszuschließen ist aber auch die Möglichkeit, daß extraterrestrische Wesen die Körper der Einwohner übernommen haben.

Diane, bitte senden Sie ein Memo an meine Kollegen Mulder und Scully !

Eine weitere Parallele zu Twin Peaks ist Fauna und Flora. Birštonas hat ca. 3.000 Einwohner. Auf jeden von ihnen kommen gefühlte 1000 Bäume. Auf den Fotos sieht man einmal Birštonas von Norden und einmal von Süden.

 

 

 

 

 

 

In Twin Peaks verschwanden Laura Palmer und einige der Einwohner im dortigen Wald. In Birštonas verschwand vor dreizig Jahren ein ganzer Mystery-Stadtteil. Zeitgleich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Legende besagt, daß er nach jeder Neumondnacht wieder für eine Woche sichtbar wird. Den Geist „Bob“ habe ich dort zwar nicht getroffen, bin mir aber sicher, daß er sich hier wohl fühlen würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Statt Geistern leben hier hauptsächlich Zecken. In Litauen sterben jedes Jahr Menschen an den Folgen von Zeckenbissen.Ich habe mir vorgenommen, etwas von jeder Reise mitzunehmen. Von Malta habe ich noch heute einen chronischen Husten. Von Litauen nehme ich mir vielleicht eine Hirnhautentzündung mit. Zumindest Zeckenparanoia habe ich jetzt schon. Bei jedem Pickel, Mückenstich oder einer Hautreizung die ich an meinem Körper entdecke, sehe ich die Bissspuren der kleinen Biester.

Ist man infiziert sollte man den Körper kühl halten. Das soll den Krankheitsausbruch verzögern. Bei mir kann die Krankheit definitiv erst ausbrechen wenn ich Litauen wieder verlassen habe. Denn mein Körper wird seit einer Woche permanent kühl gehalten. Hier sind es 15 Grad tagsüber und knapp über Null nachts. Mystery-Klima !
Da freut man sich den ganzen Tag auf sein warmes Zimmer. Fast alle Menschen in fast allen Ländern tun das. In Litauen tut man das nicht. Denn ein warmes Zimmer gibt es hier nicht. Die Temperatur dort ist gefühlt 5 Grad kälter als draußen.

Als ich die Hotelleitung darauf ansprach bekam ich zur Antwort ein verblüfftes: „Es ist Mai ! Im Mai heizen wir in Litauen nicht mehr !“
Also war meine einzige Hoffnung das irgendwann mal die Sonne in mein Zimmer scheinen würde. Doch erstens liegt mein Zimmer nach Norden raus und zweitens schien die Sonne die ganze Woche nur ein paar Stunden. Und zwar immer nur dann, wenn ich drehen wollte und sie nicht gebrauchen konnte.

Also trifft man sich Abends an der Bar und trinkt sich warm. Doch die Bar schließt im Hotel Sonata um 22 Uhr. Das ganze Hotel schließt um 22 Uhr. Selbst Jugendherbergen haben liberalere Öffnungszeiten als dieses Mystery-Hotel.

Morgens öffnet das Hotel aber wieder. Das ist gut so, denn ich habe Übernachtung mit Frühstück gebucht. Voller Freude erscheine ich am ersten Morgen im Restaurant und freue mich auf ein verdammt gutes Frühstück. Doch kein Buffet, keine Brötchen, eigentlich überhaupt Garnichts. Auf Nachfrage erfahre ich, das Frühstück nicht angeboten wird. Man erklärt sich jedoch bereit, daß ich etwas aus der Karte bestellen kann. Als Vegetarier fallen die Eier mit Speck raus. Bleiben noch Pfannkuchen mit Banane. Als Nachtisch ganz o.k.. Aber eine Woche jeden Morgen Pfannkuchen mit Banane ? Definitiv ein Mystery-Frühstück !

Ich beschließe aus der Not eine Tugend zu machen und mich ab sofort selbst zu versorgen. Auf in den nächsten Supermarkt. Dort die nächste Überraschung: Die Inhaltsstoffe der Lebensmittel stehen in mehreren Sprachen auf der Rückseite der Verpackung: Das ist gut ! Schlecht jedoch ist, daß sie dort in Litauisch, Estnisch, Lettisch, Polnisch oder Russisch aufgedruckt sind. Ich spreche keine dieser Sprachen. Und keine hat irgendeine Ähnlichkeit mit Deutsch oder Englisch. So wird der Einkauf zum Glücksspiel. Mystery-Lebensmittel-Roulette. Der Mozarella entpuppt sich als Vanillequark. Nutella heißt auch hier Nutella, ein Hoch auf die Globalisierung. Orangensaft ist am Aufdruck erkennbar. Bei der Butter entscheide ich mich für ein Produkt mit einer Kuh drauf. Sicher ist sicher ! Glück gehabt: Ohne Knoblauch oder Kräutern. Beim Vollkornbrot verlässt mich dann das Glück. Ich erwische das Brot mit Kümmel. Kümmelbrot mit Nutella: Mmmmh, lecker. Ich kaufe später ein anderes Brot und muß erfahren, daß es in Litauen fast keine Lebensmittel ohne Kümmel gibt.

Der Versuch die Verkäufer zu fragen scheitert an der Mystery-Sprachbarriere. Später am Tag: In einem Baumarkt versuche ich Sprühfarbe zu kaufen. Niemand versteht hier Englisch. Also sage ich: „Color !“ und „Blue !“ Schüttele eine imaginäre Sprühdose und mache dazu Klackergeräusche. Anschließend sprühe ich mit der gleichen imaginären Dose dort an die Wand und imitiere perfekt das Geräusch einer kontinuierlichen Farbentladung. Plötzlich hellt sich das Gesicht eines Verkäufers auf. Er lacht mich an und führt mich in die Spielzeugabteilung. Dort drückt er mir eine Zaubertaufel in die Hand. Ich bedanke mich ganz herzlich und suche das Weite.

Am nächsten Morgen selbstgemachtes Kümmelfrühstück. Dazu einen Kaffee aus der Hotelbar. Ich zahle bar und beobachte wie die Dame minutenlang versucht den Betrag mittels Touchpad in die hypermoderne Kasse einzugeben. Dann schnell hinauf in meinen begehbaren Kühlschrank und ab unter die Bettdecke. Der Kaffee hat mittlerweile noch 20 Grad. Aber ich denke positiv: So kann ich mir wenigstens nicht die Zunge verbrennen. Bei gefühlten 10 Grad Zimmertemperatur wärmt er trotzdem noch !

Im Restaurant läuft den ganzen Tag Musik. Die größten B-Hits der 70er und frühen 80er Jahre. Hits von Smokie sind noch die aktuellsten dieser Mystery-Songs. Fakt: Seit der Stadtteil verschwand wurden keine CDs mehr neu gekauft. Mein schrecklicher Verdacht scheint sich zu erhärten: Aliens laden zwar regelmäßig Updates von Ihren Invasionsraumschiffen runter, jedoch niemals Musik aus dem iTunes Store !

Ich verlasse das Hotel und suche eine Pizzeria auf. Ich bin überrascht neben der Hotelkasse ein weiteres Beispiel für Hightech à la Litauen zu erleben. Noch nie habe ich eine so dünn belegte Pizza gegessen. Entweder ist der Koch ein wahrer Künstler und sprüht Tomaten- und Käsefarbe mit einer Airbrushpistole auf oder er hat ein Verfahren entwickelt diese mittels Nanotechnologie aufzutragen. Den beide sind nur eine Atomschicht dick vorhanden. Man könnte von einer homöopatischen Pizza Margerita sprechen. Oder von einer Mystery-Pizza !

In der Stadt fällt mir der eigenwillige Architekturstil Litauens auf. Man baut dort gerne Häuser, die aussehen als wären sie nie fertiggestellt worden. Ich nenne es Mystery-Architektur !

 

 

 

Ebenfalls auffällig ist die avantgardistische Balkonbaukunst. Scheinbar freischwebende Geländer zieren hier die Häuser.

Zurück im Hotel „Frostata“: Der Zimmerservice hat mich besucht. Das er da war, erkenne ich daran, daß mein Zimmerschlüßel außen in der Tür steckt. Drinnen liegen mein Laptop, meine Brieftasche und alle anderen Wertsachen. Trotz intensiver Untersuchung finde ich keine weiteren Indizien für diesen Besuch. Dieser Mystery-Zimmerservice sucht die Räume in unregelmäßigen Abständen auf. Nach einem Muster, daß es dem Besucher unmöglich macht, diese Besuche vorherzusagen. Am dritten Tag erhalte ich neue Handtücher. Das ungemachte Bett wird ignoriert, ebenso wie der Dreck auf dem Boden, den ich durch meine Walduntersuchungen ins Zimmer trage. Am fünften Tag finde ich frische Bettwäsche vor. Allerdings nicht bezogen auf dem Bett, sondern sauber gefaltet darauf. Wenn das Badezimmer gewischt wurde, hat man sich große Mühe gegeben alle langen schwarzen Haare wieder an die gleiche Stelle zu drapieren. Bei dieser Gelegenheit möchte ich die Mystery-Dusche nicht unerwähnt lassen. Diese hat einen sehr modernen Duschkopf mit 80 feinen Düsen. 78 davon sind verkalkt. Duscht man mit den verbleibenden zweien mit normalem Wasserdruck entsteht in dieser Konstellation ein Strahl mit dem Chirurgen mühelos operieren könnten.
Ich bringe eine versteckte Kamera an. Und als am letzten Tag der Boden plötzlich sauber ist entdecke ich folgendes Bild darin:

Diane, ich werde die Ermittlungen abbrechen. Die Grenze zwischen Realität und Halluzinationen, Wachträumen und Wahnvorstellungen löst sich zusehends auf.
Ich fürchte, daß das Geheimnis von Birštonas für immer ungelöst bleiben wird.Abschließend das Übliche: Hochachtungsvoll, bla bla, Sie wissen schon !
Ihr Agent Frank Cooper

Fotos: Frank Mählen

Erstellt am 22.05.2011 von Rolf Dennemann
Kategorie(n): Aktuelles | Schlagwort(e): , , ,

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