„Heimat surreal“ ist ein Stück Lebensabschnitt – Teil 1

Draußen stehen Etagenbetten, die einer Anstalt entnommen, als Fremdkörper zwischen den frisch angelegten Grünflächen und den Überresten der Stahlfabrik  wirken. Auf ihnen hängen, liegen, stehen junge Menschen, als warteten sie auf Erlösung. Kurz vor der Abenddämmerung betritt das Publikum die Halle und mit ihnen beginnt ein Stück Lebensabschnitt, der so leicht nicht in der Schublade des Vergessens landen wird.

Fotos: Guntram Walter

Man schlüpft in einen Film, in dem man Teil des Ganzen ist.  Vorbei an einem Container mit aparten Damen mittleren Alters, dessen gelbes Licht sonst nichts über die Einrichtung verrät. Eine Braut wartet in der großen Halle und deutet ins Weite. Sieben kleine Plattformen saugen die Tänzer an, die individuell sich die Zeit und Welt ertanzen, begleitet von wabernden Sounds und Bildern an den Wänden, die dort, auf Graffitis gehängt, Impressionen aus dem Irrealen der Natur zeigen.

Tänzerinnen und Tänzer, in mönchartige knappe weiße Kleidung gehüllt,  konzentrieren sich auf ihre Bewegungen, als sei es das letzte, was sie auf dieser Welt tun.  Leere Stühle warten auf ihre Besetzung.  Bäume werden herein getragen aus der natürlichen, analogen Welt. Ein Mann mit Hirschgeweih zieht seine Runde, begleitet von einem alten deutschen Volkslied über das Wandern, das des Müllers Lust sein soll. Auch wir – das Publikum – wandern, suchen uns die Bilder, finden neue, drehen uns um nach Neuen oder bleiben in einer Tanzszene bis die nächste folgt. Musiker nehmen eine Bühne ein und musizieren zwischen Asien und dem Hier. Eine Leinwand wird hereingefahren. Davor noch leere Stuhlreihen. Die Braut ermutigt zum Setzen und schauen.

Wir sehen Tänzer in der Natur. Wir sehen einen Film, der uns einsaugt in die Atmosphäre einer geräuschvollen Stille. Entschleunigung.  Erfrischungen werden gereicht, Betten hereingetragen, an die Wand gestellt. Die Tänzer zerschmelzen mit der Musik. Die Braut wartet, bis die Besucher in ihre Realwelt entschwinden.

Erstellt am 17.09.2013 von Rolf Dennemann
Kategorie(n): Aktuelles, Heimat surreal | Schlagwort(e):

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